Alles, wirklich alles über die Nielsen AG (leicht gekürzt).
Wie jede andere gewöhnliche Firma auch war die Nielsen AG das größte und erstaunlichste Unternehmen des Universums.
Am Anfang stand ein Hökerladen bei Flensburg, eine kleine schiefe Kate, in der die Landbevölkerung der Umgebung sich mit Werkzeug, Arbeitskleidung, Sämereien und Tratsch versorgen konnte.
Fast 200 Jahre waren vergangen, seit Jasper Anders Nielsen seinen Laden eröffnet hatte. Dass er florierte, lag zum Gutteil an der Sparsamkeit dieses Startup-Unternehmers aus dem Biedermeier. Es fing schon mit der Tinte an, mit der er seine Geschäftsbriefe schrieb und die Journale mit Einkäufen und Verkäufen füllte: Er streckte sie mit so viel Wasser, dass die blasse Schrift nur gerade noch zu lesen war. Der Spott, den er sich deswegen einfing, kümmerte ihn wenig, und auch nicht, dass es in der Gegend geradezu sprichwörtlich wurde, von einem Geizkragen zu sagen: Das ist auch so ein Blasser.
Seine Nachfahren schrieben weiter blasse Zahlen, eröffneten neue Läden oder kauften bestehende auf. Als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Land motorisiert wurde, kam ein Netz von Tankstellen hinzu, das noch heute ein wichtiges Standbein war. Da war der Firmensitz längst nach Hamburg verlegt worden.
Eine kleine Niederlassung in Valparaiso, um am Guanohandel teilzuhaben, und eine Kaffeeplantage in Brasilien blieben Experimente. Dabei machte der „Nielsen Presidente“ bei Kennern durchaus Eindruck (denen des Kaffees, nicht des Guanos).
In den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg dümpelte die Nielsen AG als Mauerblümchen des Wirtschaftswunders brav und bieder, doch immer manierlich profitabel vor sich hin. Es bedurfte erst eines Hinrich Octavio Nielsen, um das Unternehmen aus seinem Schlummer zu wecken.
Seine Mutter entstammte dem brasilianischen Zweig der weit verzweigten Sippschaft und gab ihm aus Heimweh den zweiten Vornamen, der ihn in der norddeutschen Tiefebene zum Exoten, zum bewunderten Geschöpf einer anderen Welt erhob.
HON, wie ihn alle Welt nach seinen Initialen kannte, war ein zur Unternehmensführung spät Berufener. Bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr hatte er sein Dasein auf Erden vor allem der Zähmung PS-starker Motorboote und der Erkundung von Ebenen, Tälern und Hügeln weiblicher Körperlandschaften geweiht.
Zumindest war dies das Bild, das sich der Öffentlichkeit eingeprägt hatte, und ganz falsch war es nicht. Was die Zeitungen und Illustrierten aber nicht druckten, war, dass er über zehn Jahre lang ein studium generale absolvierte und von Pharmazie über Ethno- und Archäologie, Komparati-, Kamerali- und Finno-Ugristik, Philosophie und Volkswirtschaft in fast jedes Fach hineinschnupperte.
Als er Mitte Dreißig war, wurde das Drängen der Familie energischer, doch endlich eine tätige Rolle im Unternehmen zu übernehmen. Den Ausschlag gab aber die Erkenntnis, dass er für die Öffentlichkeit doch immer nur der „Gunter Sachs von der Waterkant“ bleiben würde. Die Presse dachte nicht im Geringsten daran, Sachs als den „Nielsen aus Gstaad“ zu titulieren.
Ende der achtziger Jahre stieg er ins Unternehmen ein und leitete eine Einheit, die, wenn er es richtig verstand, offenbar Elektrogeräte in Asien einkaufte und an deutsche Handelsketten weiterverkaufte. So genau wusste er es auch nicht, doch er hatte immer ausreichend Visitenkarten dabei, auf denen er zur Not nachsehen konnte, was seine Funktion war. Schnell befiel ihn in seinem Eckbüro die Langeweile. Es war an einem weiteren langweiligen Nachmittag (denn er kam immer erst gegen Mittag in die Firma), als ihm aufging, worin seine wahre Mission bestand. Und was gleichzeitig alle Probleme zu lösen verhieß: Going public. Den Laden an die Börse bringen.
Es war nicht schwer, im Kreis der Familie Verbündete für dieses Vorhaben zu finden. Die Aussicht, zumindest einige der Anteile an der Börse verkaufen zu können und Kasse zu machen, war ein zugkräftiges Argument. Denn der Lebenswandel, an den man sich seit einigen Generationen gewöhnt hatte, wollte finanziert werden. Gleichzeitig würde dem Unternehmen beim Börsengang Kapital für die Expansion zufließen. Dass der Aufsichtsrat HON auf seiner nächsten Sitzung zum Vorstandsvorsitzenden bestellte war reine Formsache.
Alle profitierten von dem Projekt. Die Familie sowieso. Dann die Emissionsbanken. Die Corporate Finance-Berater. Die Investor Relations-Berater. Die Placement Agents. Verschiedene Fondsmanager und Börsenhändler. Die Rechtsanwälte. Die Wirtschaftsprüfer. Noch mehr Rechtsanwälte. Die Agentur für das Finanzmarketing. Die Designer für den Geschäftsbericht. Die Fotografin. Der Personal Coach für HON. Sein Schneider. Ein halbes Dutzend Restaurantbetreiber. Ungezählte Taxifahrer. Und sogar Rex Gildo, der kurz vor Ende seiner Karriere (und seines Lebens, wobei das eine das andere bedingte) auf der Party zum Börsengang noch einmal einen großen Auftritt hinlegte und jedes Hossa einzeln abrechnen durfte.
HON brachte Qualitäten in die Hamburger Firmenzentrale, die man dort noch nie vermutet und schon gar nicht angetroffen hatte: Glamour und Sexappeal. Damit hat man noch in jedem Jahrhundert und auf jedem Kontinent Investoren überzeugt, ihren Geldsack zu öffnen. Ein Rockstar-CEO, der vergessen ließ, dass am Ende für die Aktionäre doch nur die Kastelruther Spatzen aufspielten.
Dennoch war auch HON ein würdiger Nachfolger seiner sparsamen Vorfahren: Die Bildrechte an seiner zweiten Hochzeit verhökerte er meistbietend an eine Hochglanzillustrierte und hatte damit die Kosten für die Vorspeisen und für die Suppe (ohne die Einlage allerdings) schon wieder hereingeholt.
Mit gefülltem Bankkonto konnte die Nielsen AG auf Akquisitionstour gehen und Unternehmen in aller Welt kaufen. Eine Obstfarm in Neuseeland? Gekauft! Eine kleine Tankstellenkette in Kanada? Gekauft! Ein Landmaschinenhandel mit 22 Standorten in Spanien? Her damit! Und jetzt boomten die erneuerbaren Energien und die Aktienanalysten konnten nicht genug davon hören: Dass Nielsen mit von der Partie war. Dass Nielsen eine ganz neue Sparte „Renewables“ gründete. Mit strategischer Bedeutung für das gesamte Unternehmen. Und dass überhaupt Nielsen mal wieder das ganz große Rad drehen würde. Das Übliche also.